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Solche
Regulierung hilft dem PR-Mâitre des ansonsten ja heiter gebildetes Wissen
führenden Kanals ›arte‹ auch nicht mehr in den gemachen Lauf. Er wird,
quasi im globalen
Anglisierungsvorauseilungsgehorsam und vermutlich als
Prophylaktikum gegen zu viel Minderheit, das Genitiv-s durch ein Apostroph
vom Masterword abcutten. Das (modifizierte) Programmheft, zunehmend wie ein
im Wortschatz eingedampfter, dafür jedoch sinnlichkeitsfreier französisch-deutscher
50er-Jahre-Schlager arrangiert, bebildert wörtlich die Angst, dieses
letzte Eiland der (Télé-)Vision könnte nur noch von denen
bevölkert werden, die dort eine letzte Zuflucht gesucht und es
mittels eines (Alten-)Hilfe-Schwimmgürtels erreicht haben: der Fähigkeit
der unterscheidenden Sprache.
Ein
paar Wochen zuvor haben Ralph Köhnen's ›Wetten da'ss?‹-Betrachtungen
der Apostrophiti's in Deutschen Landen (Seite 55) noch (eher ungläubige)
Satirelächelassoziationen ausgelöst.
Doch es gibt ihn mittlerweile, den Doktoranden der Germanistik, der in seiner
Dissertation pro Seite 15 Vehler abliefert mit dem Hinwais, man
soll doch ma ins Internet gucken. Dort steht wahrscheinlich
längst, wie in der nicht minder geplagten ›Süddeutschen Zeitung,
geschrieben‹: »weil die Rezepte aufwändig sind«. Ja, wenn
Sie es können, dann haben Sie richtig gelesen. Genau. Die Satire sei
nicht in der Lage, die Realität einzuholen, hat Siegfried Zimmerschied
in den 80er Jahren geunkt (und damit die Politik gemeint). Auch den Buchhändler
treibt keine Rechtschreib-›Reform‹ mehr um, den Literaturverkäufer,
der für einfache Arbeiten einen Studenten sucht, der lesen und schreiben
kann. Die Realität: eine Münchner Buchhandlung im Universitätsviertel.
Herbert Köhler hat das letternhändlerische Verzweiflungstransparent
gesichtet und sein Grübeln darüber mit den Mitteln der diogenesschen
Menschensuche in ›Lethes Freibrief‹ versenkt (Seite 51). Darin kommt er zu
dem bevorstehenden, unabänderlichen Kreisverschluß: »Denn
jedes Organ (...( stellt seine Tätigkeit ein, wenn es sich überflüssig
vorkommt oder schlecht behandelt wird.« Demnach müßte sich
in Kürze nicht nur unser Denken absentieren, das quasi das Sagen über
unsere Sprache hat, sondern auch die Kunst. Aber nein, die wird, um
Köhlers Denkellipse hinter den Horizont zu dehnen, als Reprint der biblia
pauperum ihr Haupt aus dem seligmachenden Sumpf der geistigen Armut heraushalten.
Eine
solche hat er nämlich ausgemacht. Eine Freundin hatte
sie ihm nur hingehalten, die Wirtschaftszeitung. Alle
Mahnungen an (die allfälligen) Energiesparmaßnahmen seinerseel
mündeten in den gelben Strom der Galle. ›s(t)ammel art - Stilistische
Abwege des Tourismus‹ lautet die Attacke, die er, der sich bislang »zu
den Freunden der milden Sicht« zählte, mit heruntergeklapptem Visier
gegen die Dame von der Optik des ›Neuen Sehens‹ geritten ist (Seite 31).
Was dann auch noch des mit(st)reitenden Raubritters Detlef Bluemler Morgenstern
ins Kreisen brachte, einen, der mit dem gleichnamigem Christian eher weniger
zu tun hat und der noch ein paar weitere Helme gleich mit verbeulte: ›Frau
Rodenstocks Brille - Von Viren und Rädern‹ (Seite 15). Und dann fand
sich auf einmal auch noch Ivo Kranzfelder ein, der seine Pfeile zuvor (feixend)
ins Gift des Wissens getaucht hatte (›Projektenmacherei‹, Seite 37).
Doch
ach: Daß die anderssehende Kunstreisende sich dabei ernsthafte
Blessuren zuziehen bzw. ihr Heer der armanibewehrten Kreuzdamen- und A(as)se
aufgerieben wird, steht zur Vermutung
kaum an; predigen sie doch eine Sprache, die mit herausgeschnittenen Zungen
(und ausgeschnittenen Augen?) ächzt. Oder ist dies milder: »Sage
mir, wer zuerst die Buchstaben ritzte!«
läßt Köhler Salomo Saturn fragen und antworten: »Mercurius,
der Riese.«
Schon
der verbal wahrlich nicht eben zaghafte zeichnende hanseatische Schwertschwinger
Horst Janssen mit seinem (hier historischen)
Nachweis der ›Armseligkeiten‹ im Kunstbetrieb der frühen 80er Jahre war
kaum sonderlich erfolgreich (Seite 22). Und noch zehn, fünfzehn Jahre
früher hatte auch der mit dem Schreibflorett gegen diese windflügelige
Gesellschaft ›Der Makler und der Bohemien‹[s] (Seite 9) kassandrierende Hans
Platschek (dem diese Ausgabe 3/2000 posthum gewidmet ist) kaum eine Elle Land
gewonnen.
Das
»Kunstvirus« schreibt die
(Ober-)Lehrerin des Neuen Sehens, Inge Rodenstock, an die Tafel. Die Wirtsleut'
dieses Untiers kannte Herr Knigge bereits, ja, jener Adolph Freiherr von Knigge,
der mit seinem 1788 erschienenen gesellschaftsethischen Traktat nichts
dafür konnte, daß unter seinem Banner Kinder Bücher unter
die Arme geklemmt bekamen (anstatt sie lesen zu dürfen): die feine Gesellschaft
oder die, die sich dafür hielt. Es bedarf nicht einmal einer bildlichen
Brille, um die Groteske zu sehen, in der sich die Kreuz-Krieger den
allein seligmachenden Religionen der Künste unterziehen; deshalb servieren
wir die amuse-gueule des Gesamtwerkes auch en nature (Seite 29).
»Noch
ist der Kunstherbst nicht zu Ende«,
verlautbarte Météo-Sat-Directrice Inge Rodenstock vergangenen
Oktober in der ›Wirtschaftswoche‹, dem deutschzahligen Centralparkbankunterlegpapier
der Mittagsschnelleinsandwichesser, »die nächsten Etappen sind
Athen, Köln und natürlich New York, wo sich das Rad am schnellsten
dreht.« Ach Ingeborg. Was wollen Sie denn dort? Fahren Sie doch
mal an den Ort, den Pamela C. Scorzin (auf Seite 59) so angewidert begeistert
essaiisiert hat, nach Las Venice: »Shopping Malls und Edelrestaurants
wurden jüngst zwischen die alten Casinos gemischt, weitläufige Golfplätze,
teuere Luxusapartments und Wellness-Center säumen nun das endlos in
die Peripherien ausfransende Stadtufer und verheißen neuen städtischen
Luxus und Exclusivität«, ist er doch der »gigantische Urban
Sprawl«. Dort suhlen, nein: buhlen Sie doch sicherlich besser, in »diesem
irdisch-urbanistischen Spielerparadies, (...) 24 Stunden non stop gierig
um Gunst, Geld und Gut«. Dort haben Sie doch alles: »Fließt
hier nicht der Zwilling des guten alten vertrauten Canale Grande (...)? Glanzlichter
der europäischen Kultur- und Architekturgeschichte: Luxor, Rom, Venedig,
Paris, Monte Carlo, Bellagio am Comer See (...), reine Sehlust am perfekt
inszenierten Spektakel, das einmal in der fernen Alten Welt doch König
Ludwig II. von Bayern, Oper und Theater im Stil des Gesamtkunstwerks Wagnerscher
(respektive Semperscher) Prägung hieß, (...) Dogenpalast, die
Rialto-Brücke, der Campanile und der venezianische Markusplatz.«
Dort finden Sie ausreichend Abenteuer: »Trällernde Gondoliere
(...), in Uniformen italienischer Carabinieri patroullierende(s), nie zu
übersehende(s) Sicherheitspersonal.« Nehmen Sie sich ein
paar Ihrer brit-art-igen Künstler der Neuen Generation mit.
Und
bleiben Sie (und Ihre AdlatInnen) dort. Rauben Sie Saint Bluemier, dem dans
la Taule-sur-Château d'If sitzenden Concierge von ›Bonne Nuit
Monde‹, der sich auf der Suche nach einem Menschen(-bild)
befindet, nicht das nächtliche Licht seiner Laterne. Dann muß
er Ihnen auch kein sittliches Angebot bei Senilitätsproblemen machen
und Augen wie Zunge verlieren, sondern
darf von seinem Freiwilligenverbannungseiland aus den funkelnden Satelliten
zuschauen und ihr lauschen und vielleicht zu ihr in die wunderschöne,
weltgewandte deutsche Schwester von
Marseille schaukeln und, wenn sie es schon nicht zuläßt, zu ihr
ins Fruchtwasser zu kriechen, Anne Moll wenigstens bitten, ihm zu verraten,
wo im Internetz er den jüngsten Rilke downloaden kann (Seite 45).
›Kurzschrift - Für
die Freunde der Langschrift‹, Ausgabe 3/2000
(Schellhase ·
Essay), herausgegeben von Detlef Bluemler und überdacht von
Herbert Köhler, ist ab Juli 2000 zu beziehen
direkt über den Verlag oder über den Buchhandel - 72 feine Seiten,
zweifarbiger, kartonierter Umschlag.
ISBN 3-931352-13-7
· Euro 12,60
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