Verlag Christina Schellhase



Kurzschrift Ausgabe 3/2000



Ab sofort im Buchhandel

Bestellen
können Sie auch
direkt beim Verlag
 




Kurzschrift
Für die Freunde der Langschrift

Die »Festung gegen den Unrat«
Texte zum kulturellen Alltag

Ausgabe 3, Sommer 2000

Herausgegeben von Detlef Bluemler

ISBN 3-931352-13-7
72 Seiten · Euro 12,60 




Nein. Im Gegensatz zur Meinung der Zweckoptimisten (welcher Politiker oder Super-RTL-Journalist oder ARD-Moderator mag dieses ungemein stringente Wort wohl komponiert haben und zu welchem Zweck?) wird sich unsere Sprache nicht erholen. Nein, nicht wieder Rechtschreibreform oder ähnliche Nachuntennivellierungen. Mit ihr haben die vielen Nichtwissenden ja nur paraph(ras)iert, was in unseren Höheren Lehranstalten längst, wenn auch ohne Absicherung durch das Bundesundländerbeamtenverordnungsnetz, praktiziert wurde.


Solche Regulierung hilft dem PR-Mâitre des ansonsten ja heiter gebildetes Wissen führenden Kanals ›arte‹ auch nicht mehr in den gemachen Lauf. Er wird, quasi im globalen Anglisierungsvorauseilungsgehorsam und vermutlich als Prophylaktikum gegen zu viel Minderheit, das Genitiv-s durch ein Apostroph vom Masterword abcutten. Das (modifizierte) Programmheft, zunehmend wie ein im Wortschatz eingedampfter, dafür jedoch sinnlichkeitsfreier französisch-deutscher 50er-Jahre-Schlager arrangiert, bebildert wörtlich die Angst, dieses letzte Eiland der (Télé-)Vision könnte nur noch von denen bevölkert werden, die dort eine  letzte Zuflucht gesucht und es mittels eines (Alten-)Hilfe-Schwimmgürtels erreicht haben: der Fähigkeit der unterscheidenden Sprache.

Ein paar Wochen zuvor haben Ralph Köhnen's ›Wetten da'ss?‹-Betrachtungen der Apostrophiti's in  Deutschen Landen (Seite 55) noch (eher ungläubige) Satirelächelassoziationen ausgelöst. Doch es gibt ihn mittlerweile, den Doktoranden der Germanistik, der in seiner Dissertation pro Seite 15 Vehler abliefert mit dem Hinwais, man soll doch ma ins Internet gucken. Dort steht wahrscheinlich längst, wie in der nicht minder geplagten ›Süddeutschen Zeitung, geschrieben‹: »weil die Rezepte aufwändig sind«. Ja, wenn Sie es können, dann haben Sie richtig gelesen. Genau. Die Satire sei nicht in der Lage, die Realität einzuholen, hat Siegfried Zimmerschied in den 80er Jahren geunkt (und damit die Politik gemeint). Auch den Buchhändler treibt keine Rechtschreib-›Reform‹ mehr um, den  Literaturverkäufer, der für einfache Arbeiten einen Studenten sucht, der lesen und schreiben kann. Die Realität: eine Münchner Buchhandlung im Universitätsviertel. Herbert Köhler hat das letternhändlerische Verzweiflungstransparent gesichtet und sein Grübeln darüber mit den Mitteln der diogenesschen Menschensuche in ›Lethes Freibrief‹ versenkt (Seite 51). Darin kommt er zu dem bevorstehenden, unabänderlichen Kreisverschluß: »Denn jedes Organ (...( stellt seine Tätigkeit ein, wenn es sich überflüssig vorkommt oder schlecht behandelt wird.« Demnach müßte sich in Kürze nicht nur unser Denken absentieren, das quasi das Sagen über unsere Sprache hat, sondern auch die Kunst. Aber nein,  die wird, um Köhlers Denkellipse hinter den Horizont zu dehnen, als Reprint der biblia pauperum ihr Haupt aus dem seligmachenden Sumpf der geistigen Armut heraushalten.

Eine solche hat er nämlich ausgemacht. Eine Freundin hatte sie ihm nur hingehalten, die Wirtschaftszeitung. Alle Mahnungen an (die allfälligen) Energiesparmaßnahmen seinerseel mündeten in den gelben Strom der Galle. ›s(t)ammel art - Stilistische Abwege des Tourismus‹ lautet die Attacke,  die er, der sich bislang »zu den Freunden der milden Sicht« zählte, mit heruntergeklapptem Visier gegen die Dame von der Optik des ›Neuen Sehens‹ geritten ist (Seite 31). Was dann auch noch des mit(st)reitenden Raubritters Detlef Bluemler Morgenstern ins Kreisen brachte, einen, der mit dem gleichnamigem Christian eher weniger zu tun hat und der noch ein paar weitere Helme gleich mit verbeulte: ›Frau Rodenstocks Brille - Von Viren und Rädern‹ (Seite 15). Und dann fand sich auf einmal auch noch Ivo Kranzfelder ein, der seine Pfeile zuvor (feixend) ins Gift des Wissens getaucht hatte (›Projektenmacherei‹, Seite 37).

Doch ach: Daß die anderssehende Kunstreisende sich dabei ernsthafte  Blessuren zuziehen bzw. ihr Heer der armanibewehrten Kreuzdamen- und A(as)se aufgerieben wird, steht zur Vermutung kaum an; predigen sie doch eine Sprache, die mit herausgeschnittenen Zungen (und ausgeschnittenen Augen?) ächzt.  Oder ist dies milder: »Sage mir, wer zuerst die Buchstaben ritzte!« läßt Köhler Salomo Saturn fragen und antworten: »Mercurius, der Riese.«

Schon der verbal wahrlich nicht eben zaghafte zeichnende hanseatische Schwertschwinger Horst Janssen mit seinem (hier historischen) Nachweis der ›Armseligkeiten‹ im Kunstbetrieb der frühen 80er Jahre war kaum sonderlich erfolgreich (Seite 22). Und noch zehn, fünfzehn Jahre früher hatte auch der mit dem Schreibflorett gegen diese windflügelige Gesellschaft ›Der Makler und der Bohemien‹[s] (Seite 9) kassandrierende Hans Platschek (dem diese Ausgabe 3/2000 posthum gewidmet ist) kaum eine Elle Land gewonnen.

Das  »Kunstvirus« schreibt die (Ober-)Lehrerin des Neuen Sehens, Inge Rodenstock, an die Tafel. Die Wirtsleut' dieses Untiers kannte Herr Knigge bereits, ja, jener Adolph Freiherr von Knigge, der mit seinem 1788 erschienenen gesellschaftsethischen Traktat nichts  dafür konnte, daß unter seinem Banner Kinder Bücher unter die Arme geklemmt bekamen (anstatt sie lesen zu dürfen): die feine Gesellschaft oder die, die sich dafür hielt. Es bedarf nicht einmal einer bildlichen Brille, um die  Groteske zu sehen, in der sich die Kreuz-Krieger den allein seligmachenden Religionen der Künste unterziehen; deshalb servieren wir die amuse-gueule des Gesamtwerkes auch en nature (Seite 29).

»Noch ist der Kunstherbst nicht zu Ende«, verlautbarte Météo-Sat-Directrice Inge Rodenstock vergangenen Oktober in der ›Wirtschaftswoche‹, dem deutschzahligen Centralparkbankunterlegpapier der Mittagsschnelleinsandwichesser, »die nächsten Etappen sind Athen, Köln und natürlich New York, wo sich das Rad am schnellsten dreht.«  Ach Ingeborg. Was wollen Sie denn dort? Fahren Sie doch mal an den Ort, den Pamela C. Scorzin (auf Seite 59) so angewidert begeistert essaiisiert hat, nach Las Venice: »Shopping Malls und Edelrestaurants wurden jüngst zwischen die alten Casinos gemischt, weitläufige Golfplätze, teuere Luxusapartments und Wellness-Center säumen nun das endlos in die Peripherien ausfransende Stadtufer und  verheißen neuen städtischen Luxus und Exclusivität«, ist er doch der »gigantische Urban Sprawl«. Dort suhlen, nein: buhlen Sie doch sicherlich besser, in »diesem irdisch-urbanistischen Spielerparadies, (...) 24 Stunden non stop gierig um Gunst, Geld und Gut«. Dort haben Sie doch alles: »Fließt hier nicht der Zwilling des guten alten vertrauten Canale Grande (...)? Glanzlichter der europäischen Kultur- und Architekturgeschichte: Luxor, Rom, Venedig, Paris, Monte Carlo, Bellagio am Comer See (...), reine Sehlust am perfekt inszenierten Spektakel, das einmal in der fernen Alten Welt doch König Ludwig II. von Bayern, Oper und Theater im Stil des Gesamtkunstwerks Wagnerscher (respektive Semperscher) Prägung hieß, (...) Dogenpalast, die Rialto-Brücke, der Campanile und der venezianische Markusplatz.« Dort finden Sie ausreichend Abenteuer: »Trällernde Gondoliere (...), in Uniformen italienischer Carabinieri patroullierende(s), nie zu übersehende(s) Sicherheitspersonal.«  Nehmen Sie sich ein paar Ihrer brit-art-igen Künstler der Neuen Generation mit.

Und bleiben Sie (und Ihre AdlatInnen) dort. Rauben Sie Saint Bluemier, dem dans  la Taule-sur-Château d'If sitzenden Concierge von ›Bonne Nuit Monde‹, der sich auf der Suche nach einem Menschen(-bild) befindet, nicht das nächtliche Licht seiner Laterne. Dann muß er Ihnen auch kein sittliches Angebot bei  Senilitätsproblemen machen und Augen wie Zunge verlieren, sondern darf von seinem Freiwilligenverbannungseiland aus den funkelnden Satelliten zuschauen und ihr lauschen und vielleicht zu ihr in die wunderschöne, weltgewandte deutsche Schwester von Marseille schaukeln und, wenn sie es schon nicht zuläßt, zu ihr ins Fruchtwasser zu kriechen, Anne Moll wenigstens bitten, ihm zu verraten, wo im Internetz er den jüngsten Rilke downloaden kann (Seite 45).

›Kurzschrift - Für die Freunde der Langschrift‹, Ausgabe 3/2000
 (Schellhase · Essay), herausgegeben von Detlef Bluemler und überdacht von Herbert Köhler, ist ab Juli 2000 zu beziehen direkt über den Verlag oder über den Buchhandel - 72 feine Seiten, zweifarbiger, kartonierter Umschlag.

 ISBN 3-931352-13-7 · Euro 12,60

 


Laubacher FeuilletonÜberall ist Laubach GutenbergKurzschrift 1 Kurzschrift 2  • Kurzschrift 3

© 1999/2006 by typosign.de    • Zurück zur StartseiteKontakt